RollerCoaster Tycoon Wonderworks: Schon wieder ein Reinfall?
Es gibt Ankündigungen, bei denen man kurz aufhofft – und dann läuft der Trailer. Als Atari vor kurzem in der Pre-Show der gamescom Opening Night Live das neue Spiel „RollerCoaster Tycoon Wonderworks“ enthüllte, war mein erster Gedanke: Endlich, acht Jahre nach RCT Adventures, geht es weiter. Mein zweiter: Oh nein – nicht schon wieder.
Denn man muss die Historie nicht schönreden: RCT Touch und vor allem RCT World waren Katastrophen und auch das Switch-Abenteuer RCT Adventures war bestenfalls mittelmäßig. Diesmal steckt mit Springloaded immerhin wengistens ein Studio dahinter, das mit „Let’s Build a Zoo“ bewiesen hat, dass es Aufbauspiele kann – 89 Prozent positive Steam-Bewertungen sprechen für sich. Der Early Access für RollerCoaster Tycoon Wonderworks soll im Winter auf Steam für 24,99 Euro starten, die Fertigstellung soll rund ein Jahr dauern, Version 1.0 erscheint dann auch für Konsolen. Klingt erstmal solide, doch dann schaut man den Trailer.
Schrecklich… schon wieder
Bevor ich die Mängelliste abarbeite, der wichtigste Hinweis gleich vorweg: Sie stammt nicht von mir, sondern vom YouTuber „Marcel Vos“. Falls einem der Name noch nichts sagt – Vos ist ein niederländischer YouTuber und so etwas wie der oberste Rechnungshof der RollerCoaster-Tycoon-Szene. Seit Jahren seziert er auf seinem Kanal die Mechaniken von RCT 1, RCT 2 und natürlich auch OpenRCT2: G-Kräfte, Preisbildung, Pathfinding, alles. Wer ihm zuschaut, lernt mehr über Achterbahnphysik als in mancher Physikstunde.
Sein neues Video trägt den Titel „The new RollerCoaster Tycoon game is terrible… again“ und geht den Wonderworks-Trailer Einstellung für Einstellung durch:
Loopings, die Rippen brechen
Das größte Problem sitzt ironischerweise im Herzen des Spiels, nämlich bei den Achterbahnen selbst. Im gesamten Trailer ist kein einziger Kettenlift zu sehen – die Züge klettern den Lifthill trotzdem fröhlich hinauf, als wäre Schwerkraft eine unverbindliche Empfehlung. Die gezeigten Layouts lesen sich wie Unfallberichte: Eine 90-Grad-Kurve direkt nach einem riesigen Drop, ein messerscharfer S-Knick zwischen zwei Loopings, Züge, die in Kurven quasi senkrecht hängen.
Vos‘ schärfster Punkt betrifft die Looping-Form. Echte vertikale Loopings sind keine Kreise, sondern Klothoiden – unten weit, oben eng, damit die Kräfte erträglich bleiben. RCT 1 und 2 bildeten das korrekt ab, Chris Sawyer hat die Kurvenform damals akribisch dokumentiert. Wonderworks zeigt stattdessen perfekte Kreis-Loopings. Vos zieht den Vergleich zur Flip Flap Railway von 1895, deren kreisförmiger Looping angeblich bis zu 12 G erzeugte und regelmäßig Fahrgäste verletzte. Seine Befürchtung dahinter wiegt schwerer als jedes einzelne Layout: Das Physik- und Bewertungssystem könnte so simpel gestrickt sein, dass jeder zusammengeklickte Murks im Spiel einfach „funktioniert“ – Achterbahnen wären dann angetriebene Fahrgeschäfte, keine Simulation.
Kleiner Einwand von mir an dieser Stelle: Auch RollerCoaster Tycoon 1 bis 3 ließen absurde Layouts zu, das war schließlich auch Teil des Spaßes. Aber ein Ankündigungstrailer sollte die bestmöglichen Bahnen zeigen – die alten Werbespots taten genau das. Wenn das hier das Aushängeschild ist, wie sieht dann der Rest aus?
200-Dollar-Burger und scrollende Tabellen
Fast belustigend, aber symptomatisch ist die Wirtschaftsanzeige. Ein Burger-Stand weist im Trailer 18.000 Dollar Monatsgewinn bei 90 verkauften Burgern aus – macht 200 Dollar Erlös pro Burger. Derselbe Stand verkauft im selben Park kurz darauf Burger für zwei Dollar. Vos‘ Erklärung: Vermutlich schlicht ein vergessener Dezimalpunkt. Schlampig, egal wie man es dreht.
Dazu Spalten, in denen selbst das Wort „Revenue“ scrollen muss, und eine Fachabkürzung wie „COGS“ (Cost of Goods Sold), die kaum ein Spieler kennt – RCT 2 nannte denselben Posten einfach „Food/Drink Stock“. Eine komplette Corkscrew-Achterbahn schlägt offenbar mit lediglich 214 Dollar zu Buche, Wege kosten laut dem Trailer gar nichts. Wenn das Balancing so aussieht wie die Preise, wird der Wirtschaftsteil ein Selbstläufer im falschen Sinne.
Dünne Inhalte, dicke Nostalgie
Atari wirbt mit über 60 Fahrgeschäften, Achterbahnen und Shops sowie 150 Deko-Objekten. Vos rechnet vor, wie wenig das ist: RCT 1 kam mit Add-ons auf 83 Attraktionen und 315 Szenerie-Teile – und das bereits im Jahr 1999 . Zum Early-Access-Start gibt es zwei Parks, zum Release sollen es acht sein; RCT 1 lieferte dagegen stolze 21 Stück. Gleichzeitig stapelt der Trailer dieselben Fahrgeschäfte mehrfach in einen Park: Vier Spiralrutschen, drei Teetassenfahrten, drei Kettenkarussells, und dabei alle in identischen Farben. Eine Funktion wie die zufälligen Farbschemata der alten Teile, die seit 1999 dafür sorgten, dass sich Parks individuell anfühlen, fehlt zumindest in dem aktuellen Versionsstand komplett.
Und dann natürlich noch die Nostalgie-Strategie. „The Original Roller Coaster Simulator“ prangt groß im Trailer, Eingangsgebäude, Spiralrutsche und Schausteller erinnern absichtlich an RCT 1 und 2, ein Bubsy-Kostüm dient als Atari-Insider. Das Bittere: Die Hommagen sind im neuen RollerCoaster Tycoon Wonderworks offenbar detailärmer als die 27 Jahre alten Originale. Dazu teilweise nicht verbundene Warteschlangen, ein doppelt gesetztes Eingangsgebäude und eine Schiene, die mitten in der Fahrt unvermittelt invertiert. Das alles ist im offiziellen Werbetrailer zu sehen.
Fairerweise muss man sagen: Es ist nicht alles schlecht. Die Nachtbeleuchtung der Fahrgeschäfte sieht wirklich sehr hübsch aus, der „Destruction Simulator“ mit Zeitachse ist ein interessantes Werkzeug, Helikopter räumen zudem Trümmer abgestürzter Bahnen in einer schönen Animation ab und Gäste lassen sich über den Kartenrand ins Nichts werfen.
Fazit: Die Hoffnung stirbt zuletzt
Vos‘ Urteil fällt grundsätzlich hart aus: Ein weiterer Cash-Grab, der das Erbe von Chris Sawyer ausschlachtet – wobei er einräumt, dass viele Bugs bis zum Release verschwinden dürften, die Zeit für Physik und Designfundamente aber vermutlich kaum reichen wird. Ich teile die Skepsis, würde aber einen Fuß in der Tür lassen: Early Access heißt, Springloaded kann (noch) nachjustieren und gerade dieser Studio-Hintergrund gibt immerhin Anlass zu vorsichtiger Hoffnung.
Bis dahin gilt, womit Vos sein Video schließt: Er macht einfach weiter Videos über RCT 1 und 2. Nach diesem Trailer kann man ihm das allerdings auch nicht verübeln.